Türen und Corona

Ein Zwischenbericht von Harald Gröhler.

Und Schwööġer verschwand von Tische.

Das tat Schwööġer meistens gegen Ende des Essens; jedes Mal bat er flott, aber formvollendet, ich möchte ihn eben entschuldigen.

Wir hatten heut alle draußen gesessen, an einem der Tische. Früher saßen wir immer drin im Lokal. Drinnen kühlte das Essen nicht vorschnell aus. Draußen, da schwirrten jetzt weniger Viren.

Wir hatten uns zuerst auf das Freudigste wiederbegrüßt nach fünf Monaten, nicht mit Handschlag, nicht mit Händeschütteln, da sei Gott vor, sondern indem wir uns mit den Ellbogen wechselseitig anpufften. Freilich musste man dazu noch näher an den Nächsten heran, als das bei entgegengestreckter Hand gewesen wäre. … Ellbogen? Das sollte jetzt hygienebewusster sein? Auf jeden Fall war’s eine verrückt-schnelle, blitzschnelle Umstülpung einer dreihundertfünfzig Jahre währenden Sitte. Dem Robert-Koch-Institut hatten wir das zu verdanken, seit März 20. Nur zweier Tage hatte es zu der Neuerung bedurft. Dreihundertfünfzig Jahre – zwei Tage.

Na, wir schauten ja, bevor wir zum Besteck griffen, eo ipso schon hündisch bekloppt aus; mit dem ausgebeulten Mundschutz mitten vorm Gesicht, surrealistisch; bescheuert.

Meine Ausdrucksweise jetzt bei Tisch, – hatte ich damit jemanden zusätzlich geärgert? „Surrreal“, äffte Felix mich nach. „Was surrt denn da bei dir ab?“

Schwööġer gesellte sich nun wieder zu uns. Er ereiferte sich: Zuerst stoße man auf eine Bande vor der ersten Treppenstufe. Also auf ‘ne Absperrung.

„Ha? Was?“; „auf was?“

… und er machte vor, wie die Bande wirke, er kreuzte quer vor sich seine Arme. Gekreuzt die Arme vor seinem Rumpf; eindrucksvoll. Und er erstarrte solang. Niemand sonst hätte das einem vorgemacht; Schwööġer ja.

„Diese Bande muss man schon erst überwinden, Leute.“ Man dürfe auch nicht stolpern beim ersten Schritt eine ganze Stufe tiefer. Sich nicht das Genick brechen.

Schwööġer überwand die missliche Bande; er war einmal seine achtzehn Monate bei der Bundeswehr gewesen, und vor allem kämpfte er nach jedem Mittagessen mit dem heftigsten Harndrang. Es hätte hier auch elektrisch geladner Stacheldraht sein können, – Schwööġer musste die Treppe ‘runter.

Diese Hürde, nur damit unten, auf der Herrenseite, nicht etwa zwei Gäste nebeneinander an den Schüsseln standen. Der Anderthalbmeterabstand wäre da nicht gewahrt. Nicht unbedingt Homosexualität, wohl aber Virusansteckung drohte die Welt in die Luft zu jagen. Ich wiederum habe Herrn Schwööġer nicht bloß ein Mal mit im Zwickel feuchtverfärbter Hose erlebt.

Boshaft war auch angeschlagen: Hände waschen! Andernfalls keine Toilettenbenutzung möglich. Ich sagte dem Schwööġer, als ich das von ihm mit hörte: „… In deinem Fall ja wie eine Form von Erpressung.“

„In meinem Fall?“

Deutlicher wollte ich es nun doch nicht sagen.

Zu lesen sei da außerdem, Mundschutz habe man sich genauso als Einziger im Lokus umtun.

Ich fragte Schwööġer bissig, ob er dann auch noch an der Tür zur Damenabteilung klopfen und horchen müsse: rege sich da was?

„Hundertprozentig“, sagte Felix sofort.

Und wenn Schwööġer an der Tür Damen-Abteilung pochte, war er ja da schon näher als anderthalb Meter an einer dahinter allfällig brütenden Sie dran. Ich sagte es laut in unsere Runde.

Verflucht.

Die Klosetttür „Damen“ hatte es wohl an sich, Entfernungen zu vergrößern … , auszudehnen.

Ich mochte mir, als ich das den Felix so erwägen hörte, diese Tür am liebsten sofort aushängen und sie mir aneignen. Man denkt ja so manches; in epidemischen Zeiten erst recht.

Während Felix und ich uns zu kampeln anfingen, kam noch jemand von früher an, die Christiane. Die anderen, mit denen wir nun wieder zusammen gewesen waren, hatten sich inzwischen verkrümelt; ich hatte mich mit Schwööġer an einen ganz kleinen runden Tisch umgesetzt; – und jetzt stellte sich die Christiane ein. Die kiebig-neugierige machte Miene, sich zu uns zu setzen.

Das passte mir diesmal nicht so recht. Gar nicht. Unser neues Tischchen war keine sechzig Zentimeter groß und war komplett schon mit unseren Tellern vollgestellt. Ich dachte an die immer feuchte Aussprache des Schwööġers und dass die Speisen jetzt, dank Christiane, noch viel mehr in seinen Nahbereich gelangen würden. Kein Aas wusste, kein Mensch, ob seine Spuckezone coronahaltig war, weder er noch ich hatten auf einem Smartphone eine Tracing-App draufgeladen. Wupsdich, saß die Christiane schon bei uns; sie schaffte das, indem sie sich einen weiteren Stuhl herbeiangelte. Ich entschloss mich zu etwas, das ich noch nie in meinem Leben getan habe. Ich sagte, nee, das sei wohl zu eng, sie solle sich doch an den benachbarten Tisch ‘rübersetzen.

„Was, wirklich?“

In Nichtcoronazeiten wären meine Worte eine Unverschämtheit gewesen. „Es ist zu eng, Christiane. Was nicht geht, geht nicht.“

„Ja wisst ihr, ich kann ja meinen Teller auf d‘n Schoß nehmen.“ Sagte sie sogar auch noch. Das war jetzt umwerfend freundlich, gradezu schon unterwürfig, so war die noch niemals gewesen.

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