Beweglicher Daumen

Von Harald Gröhler.

Prolog: Zwei Meter entfernt von mir gehen zwei junge Mädchen. Und gucken unmittelbar vor sich herunter. Weiter weg kommt mir ein schlunziger Hallodri entgegen. Auch er guckt an sich herunter. Die unmittelbar vor sich Schauenden haben die Köpfe alle scharf gesenkt. Sie starren jeder unverwandt auf ein Täfelchen, das sie in einer Hand halten. Ein Radfahrer überholt mich auf dem Radweg. Der mir entgegenkommende Hallodri, der nur knapp vor sich hinsieht, geht unerwartet eine Kleinigkeit nach rechts hinüber, so dass er mit der Schulter, dem Oberkörper im Bereich des Radwegs ist, und der Radler überfährt ihn, das heißt, er fährt in ihn hinein.

2021 …, zur Zeit gefiel sich ja die Menschheit darin, mit dem Daumen Bildchen nach oben oder nach rechts oder unten zu titschen. Vor allem die Jugend beschäftigte sich mit diesem Scrollen; insbesondre die weibliche Jugend, Alter dreizehn bis dreißig. Die Texte, die Bildchen, die Apps (vor 11 Jahren ein noch gar nicht vorhandener Begriff) schürten die Gewissheit, dass diese Apps, addiert, die Gesamtheit der Welt vorführten.

Die Verfügungsgewalt über das Weltinsgesamt mit dem Daumen oder Zeigefinger hinzukriegen, noch dazu ohne große Vorkenntnisse von Zusammenhängen und Welt: Das heißt schon was. Das generierte „Wohlfühl“-juchzer beim Subjekt. Allerdings weiß jedes Baby, dass ein Quäntchen Know-how trotzdem noch unabdingbar ist. Die Bedienung des Android-Betriebssystems; und auch die Bereitschaft, miese Smartphoneverträge einzugehen. Außerdem profitierten Kevin und Butz davon, dass sie – dank ihrer Jugend – den Daumen sehr beweglich hatten züchten können. Ich sehe einmal mehr zu: der Daumen flitzt blitzschnell über das Tastenfeld; das ist eng, das ist klein; ältere Mitbürger treffen nicht immer den beabsichtigten Buchstaben. Dass dadurch wieder bestimmte Personen, die Älter-Gewordenen, ziemlich ausgeschlossen wurden, gefiel den Jungen grade. Ausschließen war in, vor allem wenn das sowieso 1 : 1 einer sekundenschnell erkennbaren Zäsur – jung, nicht jung – entspricht. Die Scheidewand der Generationen.

Die Behändigkeit hatten sich die Privilegierten antrainiert. Noch zehn Jährchen vorher waren die Repräsentalien des Daumens in der vorderen Zentralwindung des Cortex um fünfzig Prozent winziger – bei einem Gleichaltrigen –: die Repräsentation des Daumens hinsichtlich seiner motorischen Vollzüge und auch hinsichtlich seines sensorischen Aufnahmefelds (in der hinteren Zentralwindung) ist heute bei einem fleißig Titschenden oder einer emsig Simsenden doppelt so groß ‚abgebildet’, im kortikalen homunculus. Doppelt so groß wie früher. Muss ja auch. Der einem Organ – hier: dem Daumen oder dem Zeigefinger – auf der Hirnrinde zugewiesene Platz ist dessen Reichtum an Bewegungsmöglichkeiten proportional und ist der Feinheit des sensorischen Korns proportional. Ich gehöre zu den etwas Älteren mit nicht vergrößertem Daumenplatz.

Weil diese flinke Behändigkeit von Daumen und Zeigefinger nur ein Teil der Menschheit erreichen kann, war eine Entwertung der Überlegenheitsgefühle auch noch nicht eingetreten. Milliardenfache Hin- und Herschieberei (jeweils an einem einzigen Tag schon) hatte doch noch kein Gefühl von Schalheit nach sich gezogen; nichts dergleichen. Das Herumtitschen der Objekte auf dem Touch-Display würde, so sagen kluge Samsung-Zeitgenossen, angesichts der entgrenzten Variationsbreite des nun Sichtbaren noch beliebter werden. – Offensichtlich weniger kluge Leute verwiesen hingegen auf eine allmähliche Sättigung.

Die doch nicht eintrat. Die iPhone-Nutzer sonnten sich weiter in dem Bewusstsein, als beschäftigt zu gelten und gesucht und begehrt zu wirken. Aber handelte sich’s überhaupt um die Beherrschung einer Welt? Es war ein Beherrschen von Fiktionen. Funktionieren nicht die Apps als Fiktionen der tatsächlichen Welt?

Dass sie Abziehbilder steuerten, wurde von den die Apps Steuernden immer gründlicher vergessen. Man bedachte nicht, was für fulminante, furiose Bündel von Fiktionen hier, gelenkt, zusammengeschnürt wurden, gelenkt zuallererst durch die listig angeordnete iPhone-Elektronik. Den Benutzern war es kaum präsent. Infolge des hundertmillionenfachen Verkaufs von Smartphones war’s aber auch den Herstellern immer weniger bewusst. Fiktionen freilich waren es, Selbsttäuschungen, die sich in subtilster Weise an die Stelle der als dürftig empfundenen Realität drängten; anstelle der öden und aber dennoch benötigten und deshalb dringend erwarteten Wirklichkeit.

Andererseits konnte man so auch Geldgeschäfte tätigen und Hedgefonds-Anteile kaufen. o.k. Das schien dann wieder realer.

Was allerdings passiert, wenn man seinen Lebensraum nur noch sieht? Wenn er sich einem mehr und mehr nur noch als bloßes Bild metamorphosiert, bildartig auf Dauer? Wenn man an seine Daseinswelt nicht mehr recht herankann, weil man sie nur noch bildartig hat?

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